„Natürlich hat der italienische Mafioso einen guten Ruf, ist doch klar“!
Redaktion: Andrea Steinert Interview der Deutsche Welle zum Buch Mafialand Deutschland
Anmoderation:
Längst agiert die italienische Mafia nicht mehr nur in Italien, sondern ist inzwischen zu einem global agierenden Unternehmen geworden. Ihre Gepflogenheiten entsprechen daher mittlerweile jenen eines international gut organisierten Konzerns. Aus diesem Grund spricht man heute von der „Neuen Mafia“. Auch Deutschland sei längst beliebtes Wohn-, Arbeits- und Investitionsland für die verschiedenen Clans geworden. Das Berichtete der Journalist und Mafia Experte Jürgen Roth. Große Teile seines im Februar erscheinenden Buches „Mafialand Deutschland“ sind Ostdeutschland gewidmet. Von der Ostsee bis hinunter zum Thüringer Wald würden hochrangige Mafiabosse wohnen, investieren und agieren. Die zuständigen Landesbehörden streiten die Existenz der Mafia jedoch vehement ab. Wir wollten wissen was dran ist, an den Behauptungen. Annegret Faber hat in Sachsen nach Antworten gesucht.
Beitrag:
Will man Giovanni kennen lernen, so trifft man ihn mit etwas Glück in dem italienischen Restaurante „Bei Toni“ oder im „Subito“ im Leipziger Stadtzentrum. Giovanni ist immer elegant gekleidet. In der Szene nennt man ihn „den Paten“. Sein Spezialgebiet sind Immobilien und Baugeschäfte und in einem geheimen Auswertungsbericht des sächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz steht, dass er zur „Cosa Nostra“ gehört, einem italienischen Mafiaclan aus Sizilien. Informationen dieser Art bekommt man bei der Lektüre des neuen Buches von Jürgen Roth. Auf über 300 Seiten beschreibt er, wie und wo die Mafia in Deutschland agiert:
1. O Ton Jürgen Roth (deutsch)
„Na, ich weiß das die italienische Mafia in Deutschland flächendeckend vertreten ist und zwar in fast allen Bundesländern...Das gilt für die kalabresische Mafia, die `Ndrangheta, genauso für die sizilianische Mafia, die Cosa Nostra und teilweise eben auch regional für die Camorra“.
Besonders interessant für die Mafia sei der Osten. Unklare Strukturen. Firmen, die insolvent gehen, Grundstücke und Häuser die zum Verkauf stehen.
2.O Ton Jürgen Roth (deutsch)
„In Zusammenhang mit der Privatisierung gab es ja verschiedene Möglichkeiten sich in Betriebe einzukaufen, Grundstücke zu erwerben. Darum ging es im Wesentlichen. ..., also Immobilien ist für Geldwäsche, für die italienische Mafia schon immer ein wesentliches Instrument ihrer Geschäftspolitik gewesen“.
Nach Roth sind bereits zu Wendezeit enorme Summen kriminell erwirtschafteten Geldes aus Drogengeschäften, Zwangsprostitution und Erpressung im Osten Deutschlands angekommen. Die Polizeidirektion in Leipzig hat hierzu allerdings keine Erkenntnisse. Pressesprecher Sebastian Schmidt.
3. O Ton Schmidt (deutsch)
„Seitens der Polizeidirektion Leipzig haben wir keine Kenntnisse zum jetzigen Zeitpunkt dass sich organisierte Kriminalität aus Italien hier nieder gelassen hat“.
In einem Bericht des Landeskriminalamtes Sachsen werden jedoch 10 Fälle der organisieren Kriminalität in Sachsen für das Jahr 2007 aufgeführt. Weiter 14 Fälle die in die Bereiche des Zoll und der Bundespolizei fallen. Hier geht es um Rauschgifthandel, Waffenhandel, Kriminalität in Zusammenhang mit dem Wirtschaftsleben u.ä.. Eine genaue Erklärung zu den Tätern will das Landeskriminalamt, auf Grund der Brisanz des Themas, jedoch nicht geben. Statt dessen ein Statement der Pressesprecherin Silvaine Reiche.
4. Telefon O Ton Silvaine Reiche (deutsch)
„Bisher haben wir in Sachsen keine Straftaten unter Beteiligung von Mafiaorganisationen festgestellt und belastbare Erkenntnisse, das solche Organisationen in Sachsen Mafiazusammenschlüsse gebildet haben oder aber illegale Geschäfte durchführen, liegen uns hier nicht vor“.
„Wenn Sie nicht suchen, werden Sie auch nichts finden“. Das sagt Klaus Jansen, der Vorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamter zum Thema Mafia in Deutschland. Seiner Meinung nach sind die deutschen Kriminalstatistiken sowieso äußerst fragwürdig. Roth zitiert Jansen in seinem Buch mit folgenden Worten:
5. Sprecher männliche Stimme
„Deutschland ist inzwischen zu einem unauffälligen, florierenden Aktions- und Ruheraum für Organisierte Kriminalität geworden mit den Phänomenen wie Geldwäsche, gekennzeichnet durch Immobiliengeschäfte, Investitionen in der Restaurant und Hotelbranche, Korruption, Subventionsbetrug,
Schattenwirtschaft, Dinge, die man so eigentlich nur in Italien vermutet hatte“.
Nur deshalb konnte es zu dem Massaker in Duisburg kommen, glaubt Jansen. Geschehen am 15. August 2007. An diesem Tag wurden mitten in Deutschland sechs Italiener bei einem Anschlag der kalabrischen ’Ndrangheta getötet. Dies ließ die Behörden aufhorchen. Tatsächlich ist aber schon lange bekannt, dass Angehörige der Mafia ganz Deutschland als Rückzugsraum nutzen. In einer Presseinformation des BKA vom Sommer 2007 heißt es.
6. Sprecher männliche Stimme (deutsch)
... Seit dem Jahr 2000 wurden in der Bundesrepublik Deutschland mehr als 40 italienische Staatsangehörige festgenommen, die Angehörige einer italienischen kriminellen mafiösen Organisation angehörten und durch die italienischen Strafverfolgungsbehörden zur Festnahme ausgeschrieben waren. Darunter befanden sich auch Personen, die ... zu den meistgesuchten Mafiosi Italiens zählten.
Detaillierter wird es in einem inoffiziellen Auswertungsbericht des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2008, den der Autor in seinem neuen Buch erwähnt.
7. O Ton Jürgen Roth (deutsch)
In diesem Bericht werden die Dependancen der ´Ndrangheta in den neuen Bundesländern detailliert beschrieben...Erfurt ist einer der wichtigsten Stützpunkte in Deutschland für die ´Ndrangheta. Das gilt für Weimar, das gilt für Leipzig.
Und die Bevölkerung? Die bemerkt erst einmal relativ wenig davon, sagt Jürgen Roth. Trotzdem zahle letztlich der Bürger die Zeche.
8. O Ton Jürgen Roth (deutsch)
Die Mitglieder ´Ndrangheta betreiben keine Raubüberfälle, überfällt alte Frauen und klaut denen die Handtaschen, sondern sie versuchen über die Banken Einfluss zu nehmen. Sie sind dabei, und teilweise ist es auch gelungen, weil sie konkurrenzlos kriminell erwirtschaftetes Kapital zur Verfügung haben, natürlich den freien Wettbewerb auszuschalten und das bekommen wir mit, weil die Preise erhöht werden in bestimmten Bereichen.
Auf 100 Milliarden Euro jährlich schätzt der Bundesnachrichtendienst den jährlichen Umsatz der italienischen Mafia in Deutschland. Roth rundet diese Summe auf 150 Milliarden Euro auf. Mittelständige Geschäftsleute können gegen dieses Kapital nicht ankommen, sagt Klaus Jansen, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Geldwäschegeschäfte der Mafia bezeichnet er deshalb als Arbeitsplatzvernichtung im großen Stil. Behörden die weg schauen und erst eingreifen wenn eine Straftat nach deutschen Recht festgestellt wird, seien für die organisierte Kriminalität eine große Hilfe. Jürgen Roth:
9. O Ton Jürgen Roth (deutsch)
Also ich verstehe es nicht. Ich kann es erklären durch Engstirnigkeit. So erklären es ja auch die italienischen Ermittler. Und Blindheit dem Problem gegenüber. Man kapiert glaub ich, nicht, oder will nicht verstehen, was es eigentlich heißt, einer Mafiaorganisation zugehörig zu sein, weil man es nicht wissen will, aus welchen Gründen auch immer. DA kann man spekulieren an was es liegt, Dummheit, Faulheit, Verquickung mit Mafiastrukturen, was in Erfurt sicher eine Rolle spielt.... Aber ich neige nicht zu sehr zum Spekulieren, auch wenn es sich lohnen würde.
Und sollte der in Leipzig lebende Italiener Giovanni tatsächlich zur „Cosa Nostra“ gehören, wird er unter den gegebenen Umständen wohl noch lange Zeit als angesehener Bürger im Zentrum Leipzigs seinen Geschäften nachgehen können.
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