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Bulgarien - Organisierte Kriminalität und ein EU Beitrittsland

Der bekannte bulgarische Journalist Dimitir Kenarov veröffentlichte in der neuesten Ausgabe des amerikanischen Magazins „The Nation“ vom 29. April 2009 einen grandiosen Artikel über die Hintergründe der Ermordung des bulgarischen Buchautors Georgi Stoev. Ich hatte Georgi Stoev im Winter 2007 in Sofia in einer Kneipe getroffen, und er hat mir viel über die Situation in Bulgarien berichtet, über die Mafia, die Korruption und die Verstrickung höchster politischer Entscheidungsträger in kriminelle Machenschaften. Denn er gehörte in den neunziger Jahre selbst zu den "Kraftsportlern", wusste also viel. Zum Abschluss unseres Gesprächs gab er mir zwei seiner Bücher mit. Am 7.April 2008 wurde er mitten in Sofia von einem Killerkommando erschossen. Wenige Monate später ist in Bulgarien mein Buch „Die neuen Dämonen“ erschienen. Es war bisher nur in bulgarischer Sprache erhältlich. Da mich in der Vergangenheit viele fragten, ob es keine deutsche Fassung gibt, will ich hier das Buch veröffentlichen. Es löste in Bulgarien eine heftige und teilweise wütende Diskussion aus. Der bekannte bulgarische Publizist Milen Radev schrieb in einem Beitrag für das Internetportal Mediapool: „Ihr Beitrag besteht darin, dass Sike in schriftlicher Form wiedergegeben haben was der Bulgare hinter vorgehaltener Hand redet, was halblaut erzählt wird und was die Menschen vermeiden es am Telefon auszusprechen. Die Wahrheit über die postkommunistische Realität, die Jedem in diesem Land bewusst ist. Sie ist nun zwischen zwei Buchdeckeln gefangen und kann schwer vernichtet werden.“

Stoev 

Auch Ex-Innenminister Rumen Petkov, der Star in der BSP hatte sich zu dem Buch geäussert.. Bei diesem Ex-Innenminister bedarf es eigentlich einer intensiven psychiatrischen Diagnose und keiner politischen Auseinandersetzung. Er nannte mich öffentllich eine „erbärmliche Kreatur“ und behauptet tatsächlich, meine Bücher seien von Osama bin Laden finanziert worden, das Buch sei außerdem ein Instrument der Geldwäsche und die Veröffentlichung des Buches sei strategisch geplant gewesen um ihn, anlässlich des Parteitages der Sozialisten, zu diskreditieren. Gefährlich ist es wenn er zur offenen Lynchjustiz gegen mich aufruft. Noch einmal zur Erinnerung was er sagte: „Dem Lügner, dem Verleumder, dem Betrüger, dem Rückgratlosen soll man ständig aufs Maul hauen. Und auf die Finger auf alle weiteren Körperteile.“ Er demonstriert damit eindringlich wie Journalisten unter Druck gesetzt werden können. Denn die Erfahrung in Bulgarien zeigt, dass Journalisten/innen leider immer noch sehr gefährlich leben – ein Armutszeugnis für die demokratische Kultur Bulgariens.  Immerhin wurde einige Wochen zuvor ein Journalist in Sofia schwer misshandelt, genau mit diesen Methoden und die Täter sind immer noch nicht gefasst. Dazu fällt mir die Aussage eines hochrangigen westeuropäischen Diplomaten vom Oktober 2008 ein. „Wir in der Botschaft sind darüber, was in Bulgarien heutzutage passiert, fassungslos und können es nicht verstehen. Es wäre sehr schlimm wenn Petkov wieder an die Macht kommen würde. Es war doch klar, dass er sein Amt aufgeben musste. Kein Innenminister kann sich solche Verbindungen mit der Organisierten Kriminalität und der Unterwelt erlauben. Alle westlichen Botschaften waren froh, als er seinen Rücktritt angekündigt hatte.“ Und noch im Oktober 2008 erklärte August Hanning, Staatssekretär im Berliner Innenministerium, über die Amtszeit von Rumen Petkov: „Ich muss einräumen, dass es uns manchmal Sorge bereitet hat, dass Informationen, die wir vertraulich weitergeleitet hatten, dann plötzlich in andere Kanäle geflossen sind. Das war in der Tat in der letzten Zeit
Seit dem Frühsommer 2008 wird Meglena Plugtschieva, die ehemalige bulgarische Botschafterin in Berlin, im Westen als Hoffnungsträgerin gepuscht. Sie soll die korrupten Strukturen in Bulgarien zerstören, obwohl sie in der Vergangenheit genau diese Strukturen stützte. Denn sie verteidigte als Botschafterin mit Vehemenz die katastrophalen Zustände in Bulgarien und ist Mitglied des Parteivorstands der Sozialistischen Partei, der auch Rumen Petkov angehört. Das sie sich gegen Rumen Petkov öffentlich kritisch geäußert hätte ist nicht bekannt. Seit über fünf Jahren werden die europäischen Politiker in Sofia mit potemkinschen Dörfern der Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit geblendet. Andererseits hat es die bulgarische Bevölkerung verdient, dass sich endlich etwas zum Positiven hin ändert. Und so gesehen soll man das winzige Pflänzchen Hoffnung nicht zerstören. Doch dieses winzige Pflänzchen Hoffnung ist nicht die politische Elite, schon gar nicht Meglena Plugtschieva, sondern es sind die jungen Menschen und kritischen Bürgerinnen und Bürger Bulgariens im In- und Ausland.
Und dann gibt es ja noch Boyko Borrisov, den Oberbürgermeister von Sofia und wahrscheinlich künftigen Ministerpräsidenten. Er hatte mich zu einem Gespräch in sein Amtszimmer eingeladen. Es dauerte anderthalb Stunden. Und ich gestehe von seiner Eloquenz beeindruckt gewesen zu sein. Er erzählte mir von seinen großen Schwierigkeiten während der kommunistischen Herrschaft, dass er deshalb seinen Wunsch nach einer Polizeiausbildung nicht erfüllen konnte, dass er aber bis heute in jeder Beziehung sauber geblieben sei. Dabei spielte er auf meine Feststellungen an, wonach er Anfang der neunziger Jahre Mitinhaber eines Sicherheitsunternehmens war, dem vorgeworfen wurde, dabei sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. „Wir hatten absolut korrekt gearbeitet“, sagte er dazu. Was den gemeinsamen Besuch mit einem berüchtigten Gangster, mit Mladen Michalev, im Kempinski-Hotel in Sofia angeht erklärte er, dass er zwar mit ihm im gleichen Raum gesessen habe, aber nicht am gleichen Tisch, wie mir ein anderer Anwesender erzählt hatte.  Und er betonte immer wieder, er habe ein reines Gewissen über das was er in der Vergangenheit getan hatte. Er habe mit dem Kriminellen aufgeräumt und stehe bis heute auf einer Todesliste.  Dann beschwerte er sich darüber, dass er im Buch in die Nähe von Rumen Petkov gerückt wurde. „Er ist ein gefährlicher Mann“, sagte er und nannte ihn sogar einen Banditen. Das meinte er sicherlich politisch. Allein diese Aussage fand ich sehr sympathisch. Am Ende des Gesprächs sagte er mir beim Abschied, ich brauchte hier in Bulgarien keine Angst um mein Leben zu haben. Das könne sich das Land derzeit nicht leisten. Aber ich soll in Deutschland vorsichtig sein.
Das was er mir zuvor erzählte war durchaus glaubwürdig und überzeugend. Ich war hin- und hergerissen. Zwar hatte er im Kampf gegen Geldfälschung und den internationalen Drogenhandel außerordentlich erfolgreich gearbeitet. Aber an die politisch-kriminellen Strukturen hatte er sich, im Gegensatz zu seinem Parteifreund Vanjo Tanov aus Russe, dem ehemaligen Leiter der Abteilung im Innenministerium, zuständig für die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität, eher nicht herangewagt. Trotzdem wird er es wahrscheinlich bedauert haben, dass seine Presseerklärung über meinen Besuch bei ihm Sätze enthielt die schlichtweg erfunden waren. Der Presseerklärung nach soll ich gesagt haben, er und seine Partei sind gewillt den Kampf gegen die Korruption und die Organisierte Kriminalität fortzusetzen, und ich wäre ab heute sein Unterstützer. „Wenn ich dürfte würde ich meine Stimme für die Partei, dessen Führer Herr Borisov ist, abgeben". Ich hatte natürlich nirgendwo erklärt, dass ich ihn und seine Partei GERB unterstützen werde. So hochmütig bin ich als ausländischer Beobachter nicht, eine Partei zu empfehlen. Das müssen die bulgarischen Wählerinnen und Wähler leisten. Wenn dieses Buch dazu einen Beitrag leisten kann hat es sein Ziel erreicht.
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