DIE ITALIENISCHE JUGEND DEMONSTRIERT GEGEN DIE MAFIA
Vor einer Woche fand in Turin, organisiert von FLARE (Freedom, Legality and Rights in Europe) eine dreitägige Veranstaltung statt. Eingeladen waren insbesondere Opfer der Organisierten Kriminalität sowie Staatsanwälte und Journalisten aus Osteuropa. Mit dabei waren Ilya Politkosvski, der Sohn der ermordeten Anna Politkovskaja und Isolke Aikpitany aus Nigeria, ein Opfer des Sklavenhandels. Als einzige Abgeordnete des Europäischen Parlaments kam Monika Luisa Macovei, die ehemalige rumänische Justizministerin. Am Abend des 19. März wurde in Turin der Opfer der Organisierten Kriminalität gedacht.
Es war beeindruckend, dass überwiegend junge Menschen an der Demonstration in Turin teillnahmen und man sich mitten unter ihnen als alter Mann fühlte. Und ich erkannte, dass unsere Generation den Kampf gegen die Organisierte Kriminalität verloren hat, weil es nicht gelungen ist dieses soziale und kulturelle Krebsgeschwür einer demokratischen Gesellschaft einzudämmen - im Gegenteil. Die einzige Hoffnung ruht auf diesen jungen Menschen. Ich sprach darüber mit einem aus Sachsen angereisten Richter (immerhin!) der meinte, man müsse gerade deshalb diese jungen Menschen unterstützen. Am Abend fuhren die Teilnehmer der Tagung nach San Sebastiano da Po, in ein von den Behörden beschlagnahmtes Landgut des hochkarätigen Angehörigen Mitglieds der Ndrangheta Belfiore. Das Landgut wurde von Richter Bruno Caccia bereits Anfang der achtziger Jahre beschlagnahmt. Daraufhin wurde der Richter ermordet. Heute ist das Landgut ein sozialer und kultureller Treffpunkt für Bürgerinitiativen.
Am nächsten Tage fuhren wir alle zusammen nach Mailand, um an der großen Demonstration von Libera, der größten italienischen Antimafiabewegung teilzunehmen. Über hunderttausend Menschen kamen aus allen Teilen Italiens nach Mailand. Am gleichen Tag demonstrierten übrigens in Rom 150.000 Anhänger des großen Paten, Silvio Berlusconi, und hielten Plakate iin die Luft : "Die Richter sind Mörder". Und natürlich berichteten die meisten italienischen Medien wie alle deutsche Medien nicht über die Antimafiademonstration.
In Mailand waren es, abgesehen von Antimafiastaatsanwälten und Kriminalisten, zu über fünfundneunzig Prozent junge Menschen, die der Opfer der Mafia gedachten, in dem über zwei Stunden die Namen der von der Mafia ermordeten Männer und Frauen verlesen wurden und gemeinsam zum Kampf gegen die Mafia aufgerufen wurde, um eine Kultur der Legalität durchzusetzen.
Es war außerordentlich beeindruckend und der Gedanke ging mir nicht aus dem Kopf, ob so etwas überhaupt in Deutschland oder Österreich möglich sei. Österreich kann man sowieso vergessen, aufgrund der rechtslastigen dumpfen politischen Kultur - aber in Deutschland gibt es sicher nicht weniger kritische junge Menschen wie in Italien.
Als wichtiges politisches Instrument - das wäre auch ein Beispiel für Deutschland - wurde von den Demonstrationsteilnehmern und den Sprechern die Beschlagnahme krimineller Besitztümer gefordert, die sozialen und kulturellen Zwecken zur Verfügung gestellt werden müssen. In Italien wird das bereits durchgesetzt - in Deutschland ist seltsamerweise daran nicht zu denken. So manche großartige Villa und so einige prächtige Schlösser in Baden-Württemberg oder Bayern von Vorstandsvorsitzenden großer Konzerne und von Mafiabossen (sofern man das noch trennen kann) stehen da zur Auswahl.
.
Bravo!