ORGANISIERTE KRIMINALITÄT Mafiöses Deutschland
VON HAUKE FRIEDERICHS | © ZEIT ONLINE 13.3.2009 - 08:08 Uhr Die Mafia und Deutschland passen zusammen wie Spaghetti und Sauerkraut. Ein Irrtum. Jürgen Roth zeigt, wie aktiv Verbrecher aus Italien hier sind
Wieviele Verbrechen begeht die italienische Mafia in Deutschland?
Der Pate und Filme wie Good Fellas und Scarface zeigten, wie die Mafia ist: ehrenhaft, familiär, geschäftstüchtig und nur selten brutal. Die Mafiosi aus Hollywood haben Stil. Diesen Mythos von der recht sympathischen Mafia, hat der italienische Journalist Robert Saviano in seinem Buch Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra massenwirksam entzaubert. Seine Mafiosi sind skrupellose Ausbeuter, gnadenlose Drogenpanscher und geldgierige Fälscher. Doch sein Buch las man mit einer gewissen räumlichen Entfernung. Die fiesen Verbrecher waren weit weg: In Neapel, auf Sizilien, jenseits der Alpen. Deutschland und Mafia, das schien so gut zusammen zu passen wie Spaghetti und Sauerkraut.
Nun zeigt ein neues Buch, dass die Mafia auch zwischen Flensburg und München mit kriminellen Aktivitäten Milliarden verdient. Mafialand Deutschland hat Jürgen Roth seine faktenreiche und lesenswerte Enthüllung genannt.
Der deutsche Journalist greift den bestsellertauglichen Stoff von Saviano auf. An die Schilderung des italienischen Publizisten kommt Roth jedoch nicht heran. Saviano schreibt über Killerkommandos, über Dealer, die ihren giftigen Drogencocktail an wehrlosen Junkies ausprobierten, und über Paten, die Verrätern die Augen ausstechen und die Zunge herausschneiden lassen. Saviano war immer nah dabei, er sah Leichen, von Kugeln durchlöcherte Autos. Er knatterte mit seiner Vespa durch die Stadtvierteln, in denen die Mafia-Clan regieren, er traf die Nachwuchs-Mafiosi und sah die Paten in den Gerichtssälen Hof halten.
Roth beobachtet mit größerer Distanz. Er schildert Treffen mit Experten, mit Juristen und Polizisten. Er analysiert mehr, als dass er beschreibt. Doch lesenswert ist sein Buch allemal, denn es bringt die Camorra, die 'Ndrangheta, die Sacra Corona Unita und die Cosa Nostra nach Hamburg, nach Berlin und nach Frankfurt.
Diese Verbrechergruppen aus Kalabrien, Sizilien und Neapel sind nicht die einzigen internationalen Syndikate, die hier zu Lande erpressen, rauben, Frauen zur Prostitution zwingen, Sklaven sowie Drogen verkaufen, Waffenhandel betreiben und Geld waschen. Roth schreibt: "Doch nicht nur die italienischen Mafiagruppen beherrschen den kriminellen Markt, sondern auch die albanische Mafia, die türkische Mafia, die chinesischen Triaden und besonders die Russenmafia, was viele nicht wahrhaben wollen." Roth erzürnt, dass viele Politiker, Polizisten und Publizisten verdrängen, wie stark die Mafia Deutschland unterwandert hat, dass Kriminelle aus dem Ausland hier ihr schmutziges Geld mit Immobilienkäufen und Börsengeschäften in ein sauberes Vermögen veredeln. Und dass die unbequeme Wahrheit, die Nähe mancher Entscheider aus Regierungen, Parlamenten und Konzernvorständen von nur wenigen ausgesprochen wird.
Saviano hat Deutschland in Gomorra lediglich in einem Nebensatz erwähnt. Jürgen Roth klärt auf 320 Seiten auf, warum die italienische, die russische und die chinesische Mafia gerne in Deutschland operiert und warum es ihr so leicht gemacht wird. Der Autor zahlreicher Bücher über die organisierte Kriminalität wirft einen realistischen Blick auf die Mafia: "Denn Erpressung, Betrug, Raub, Bestechung, Bilanz- und Anlagebetrug, die Käuflichkeit von Politikern, Gewerkschaftsbossen und Bürokraten, Vetternwirtschaft und Ämterproporz, alle diese für die italienische Mafia typischen Merkmale sind bekanntlich in den deutschsprachigen Ländern nicht weniger präsent, als im Süden."
Gefährlich sei die Mafia nicht nur wegen ihrer Maschinenpistolen. Die neuen Mafiosi sind Manager mit Wirtschaftsstudium und Wohltäterhabitus. Ihre Waffen haben keinen Abzug mehr, sie heißen Aktie, Anteil und Anlage. Roth zitiert einen Oberstaatsanwalt aus Palermo: "Vielmehr liegt die tatsächliche Gefahr in den Milliarden Euro mafioser Herkunft, die in den nationalen Volkswirtschaften investiert wurden, weil immer mehr Bereiche des Staates schleichend und unauffällig unterwandert werden."
Wie diese Unterwanderung funktioniert, beschreibt Roth an Beispielen aus Baden-Württemberg, Sachsen, Berlin und aus der Lausitz. Vor allem in Ostdeutschland hat der 63-Jährige recherchiert, um die Symbiose zwischen Politikern, Kriminellen und Unternehmern in manchen Regionen Deutschlands aufzuzeigen.
Roth beschreibt, wie ehemalige Stasi-Offiziere heute als erfolgreiche Geschäftsleute hofiert werden, obwohl sie in Wendezeiten betrogen und unterschlagen haben. Er zeigt, dass die Russenmafia alte Kontakte in die DDR immer noch nutzt und wie Ermittlungen der Polizei gegen die Mafiosi aus Moskau verhindert wurden, weil sie den Interessen eines mächtigen Politikers entgegenliefen.
Roth belegt seine Spurensuche durch den Mafia-Dschungel mit Fakten, nennt seine Gesprächspartner und lässt meistens seine Beschuldigten zu Wort kommen. Das ist der Verdienst von Mafialand Deutschland. Sein Makel ist, dass Roth gelegentlich zu übertreiben scheint und anhand von kleinen, eher harmlosen Episoden aus der Provinz, für ganz Deutschland geltende Aussagen trifft. Und manchmal nimmt der Autor sich zu wichtig, wenn ihm Ermittler etwas zu raunen, was sie selbst Kollegen nicht erzählt haben.
Da kann Roth noch von Saviano lernen, der sich selber zum Handelnden in der eigenen Geschichte macht, seine Zweifel und die Faszination an den Mafia beschreibt. Dass in Deutschland noch keine italienischen Verhältnisse herrschen, zeigt auch, dass Saviano seit seiner ersten Buchveröffentlichung mit dem Tod bedroht wird. Sein jüngst erschienenes neues Buch Das Gegenteil von Tod schrieb er an ständig wechselnden Orten. Er steht unter Polizeischutz. Dieses Schicksal bleibt Jürgen Roth zum Glück erspart. So viel Macht wie in Kalabrien, hat hier zu Lande die Mafia eben doch noch nicht.
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