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Post aus Moskau

erstellt von Jürgen Roth at 10.04.2009 08:10 |

Boris Reitschuster, Korrespondent von Focus aus Moskau, macht auch so seine Erfahrungen mit der Pressefreiheit - in Moskau. Von Solidarität der Journalisten in Deutschland kann natürlich keine Rede sein.

Lieber Kollege Roth,

 

wie ich sehe, sind Sie schwer unter Beschuss mit Ihrem neuen Buch – fassen Sie es als Kompliment für gute Arbeit und kritischen Journalismus auf!!! Ich versuche das im Moment ähnlich - Kollegen haben mich gestern auf zwei Artikel im russischen Wochenmagazin „Profil“ aufmerksam gemacht, in denen ich die Hauptperson bin, und in denen in alter sowjetischer Manier Hetze betrieben wird. Unter anderem heißt es dort, ich sei „einer der größten Russlandhetzer“, und es werden perfide Parallelen zum Nationalsozialismus gezogen. Profil gilt als kremlnah und erscheint gemeinsam mit dem Spiegel, dessen Logo auch auf dem Cover abgebildet ist – was der Sache natürlich eine gewisse zusätzliche Pikanterie gibt. Anbei eine kurze, auszugsweise Übersetzung. Das ganze wäre zum Lachen, wenn man nicht ausschließen könnte, dass es einen ernsten Hintergrund hat. Die Kollegen, die mich auf den Beitrag aufmerksam machten, meinten, solche Hetz-Artikel seien nach alter Tradition oft der  Auftakt für weitere Schritte, und ich sollte, so wörtlich, „in der Dunkelheit lieber nicht mehr allein aus dem Haus gehen“.

 

Sie sehen - es wird einem auch hier leider nicht langweilig. Lassen Sie uns gegenseitig die Daumen drücken!!!!

 

Ganz herzliche Grüße aus Moskau

Boris Reitschuster

 

Übersetzung in Auszügen:

 

Profil Nr. 5(608) vom 16.2.2009, „Ulenspiegel“, „Ja – pjataja kolonna“ (Ich bin die fünfte Kolonne), http://www.profile.ru/items/?item=28019

 

„Der Moskauer Korrespondent des Magazins Focus, ist, trotz seines slawischen Namens, einer der größten Russlandhasser („Russophob“) unserer Zeit. Jede Zeile seiner Reportagen, ohne Übertreibung, ist voll von Verachtung für unser Land und seine Menschen. Selbst bei Themen wie der gegenseitigen Hilfe von Kollegen ist er sich nicht zu schade, Anlass für negative Bewertungen zu finden….“

 

„Zu einem ähnlichen Schluss kommt er bei der Beschreibung des Passierschein-Systems in Russland: Die UdSSR brach zusammen, weil die Russen nicht arbeiteten, sondern immer irgendwo auf irgendeinen  Passierschein warteten. Solche Märchen sind eine Gefahr für den Westen. Sie führen zu falschen Vorstellungen: „Schweigt! Wir erobern die Sowjetunion innerhalb von drei Monaten. Die Russen können sich nicht verteidigen, weil sie immer irgendwo sitzen und auf Passierscheine warten. Der Großvater von Reitschuster hat mir das persönlich erzählt“. Vielleicht hat genau mit diesen Worten im Juni 1941 (Hitlers Überfall auf die UdSSR, Anm.d.Ü.) der Führer den Bericht eines unbekannten Generalstabs-Offiziers vom Tisch gewischt, in dem es hieß, dass die Sowjetunion zu stark sei für die deutsche Armee.“

 

„So macht man sich Feinde unter den Journalisten. Hütet Euch, ich kann auch anders. Letzten Endes wird man als ein Reitschuster nicht geboren, man entwickelt sich dazu.“

 

Profil Nr. 7(610), vom 2.3.2009, „Ulenspiegel“, „Okurok swobody“, (Ein Kippe Freiheit), http://www.profile.ru/items/?item=28095

 

Nach vier Absätzen über die Berichterstattung Reitschusters über den georgisch-russischen Krieg und seine Nominierung für den Liberty-Award heißt es:


„Wenn mein werter Leser glaubt, dass ich jetzt den Kandidaten für den Liberty-Award Reitschuster enttarnen werde, täuscht er sich. Die Prämie ist Reitschuster so gut wie garantiert, weil sein Chefredakteur in der Jury sitzt. Und außerdem hat der Journalist die Prämie in Höhe von 15.000 Euro ehrlich verdient. Wer Woche für Woche neue, Schrecken einflößende Geschichten über das Land, in dem lebt, aus dem Finger saugt, der hat von Zeit zu Zeit eine kleine Belohnung verdient.

 

Diese ganze Geschichte erzähle ich nur deshalb, weil sie mich auf einen wunderbaren Gedanken gebracht hat: Ich will eine eigene Prämie ausschreiben. Für die feinste, geistreichste und effektivste Propaganda gegen Russland.  (…) Von der Teilnahme ausgeschlossen sind Autoren aus Polen, dem Baltikum, der Ukraine und Georgien – weil Russlandhass („Russophobie“) dort alltägliche Erscheinungen sind, die keinen Preis nötig haben. Ebenfalls von der Teilnahme ausgeschlossen ist Boris Reitschuster. Erstens, weil er schon den Liberty Award hat, zweitens, weil ich der Prämie den Namen von Reitschuster geben will, und es ist dumm, wenn der die Prämie bekommt, zu dessen Ehren sie benannt wurde.

 

Man hätte natürlich der Prämie auch den Namen irgendeiner historischen Persönlichkeit geben können, die durch Russlandhass („Russophobie“) bekannt geworden ist, aber mir ist die Aktualität wichtig. Man wird zum Beispiel keine Stücke von Goebbels kopieren und dann lautstark behaupten dürfen, dass sei die eigene, geniale Schöpfung. Man darf auch keine faktentreuen Reportagen einreichen….“

 

„Vorschläge für die Prämie können die Autoren selbst einreichen, und gleichzeitig offizielle und informelle Mitarbeiter der Geheimdienste aller Staaten…“

 

„Anträge sind zu schicken an die Redaktion von „Profil“ mit dem Hinweis „Ulenspiegel/Reitschuster-Prämie“

 

 

 

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