Wahrheit oder Dichtung?
Der Spiegel ist ja inzwischen als Transformator nicht nur kritischer Berichterstattung bekannt, sondern huldigt zunehmend einem ziemlich platten konservativen Zeitgeist. Das unsägliche dumme Buch des Redakteurs Jan Fleischhauer, oder die Berichterstattung über die Stasi-Akte eines Herrn Kurras, sie markieren die Tendenz. Hin und wieder beschäftigt sich der Spiegel auch mit der italienischen Mafia. Und da fällt mir nun ein aufschlussreicher Bericht von Giuseppe Baldessarro in der kalabrischen Zeitschrift il Quotidiano della Calabria in die Hände. Deren Journalisten kennen sich nun wirklich mit der Ndrangheta aus. Und was er berichtet... na ja, da soll sich der Leser, bzw. die Leserin ein eigenes Urteil bilden.
Duisburg: Enthüllungen und Zweifel
„Ein Scoop, der keiner ist“
Es gibt mehr als einen Grund, eine gewisse Verwunderung im Hinblick auf den Spiegel-Artikel auszudrücken – eine Verwunderung, die im Übrigen sowohl von der Spitzen der Staatsanwaltschaft als auch von den nationalen und kalabrischen Ordnungskräften geteilt wird, die gestern die eine oder andere ironische Bemerkung nicht zu unterdrücken vermochten. Tatsächlich braucht es nicht viel, um zu verstehen, dass die von den deutschen Journalisten aufgestellte These zumindest unwahrscheinlich ist, um nur das Wenigste zu sagen. Und um das zu beweisen, reicht es, den Ausschnitt zu lesen, der gestern von den italienischen Nachrichtenagenturen veröffentlicht wurde.
Der „Spiegel“ berichtet von einem Interview mit einem angeblichen Boss der Tyrrhenischen Familie, der angeblich beschlossen habe, die wahren Gründe für das Massaker von Duisburg zu enthüllen. Das erste zu analysierende Moment ist genau das: Der Boss, der selbstverständlich anonym bleibt und sich „Don Fedele“ nennen lässt, hätte also die Hintergründe des Massakers von Duisburg enthüllt.
Nun, ist es möglich sich vorzustellen, dass sich ein Boss, ein echter Boss an den Tisch zusammen mit zwei Journalisten setzt und ihnen die internen Fragen des Clans enthüllt? Ein Mann der ‘Ndrangheta? Nicht ein abtrünniger, nein, ein wahrer Boss, ein im Territorium noch aktiver Clanchef? Sehr unwahrscheinlich.
Vor allem: Warum hätte er das tun sollen? Die Macht der ‘Ndrangheta basiert auf dem Stillschweigen, auf der Heimlichkeit. Warum hätten sie ihre eigenen Strategien der ganzen Welt erklären sollen? Dafür gibt es keinen einzigen vernünftigen Grund.
Selbst wenn die Clans beschließen sollten, alliierten Clans oder Staatsanwälten Botschaften zukommen zu lassen, dann geschieht das über bewährte Kanäle. Warum sollten sie zum Beispiel nicht eher eine italienische Zeitung benutzen, bei der das Echo mit Sicherheit viel größer ausgefallen wäre?
Aber fahren wir fort. „Don Fedele“ erklärt, dass das Massaker von den Clanchefs erlaubt worden sei, weil Marco Marmo, einer der Opfer von Duisburg und Ausführender des Mordes an Maria Strangio, sich in den Kopf gesetzt hätte, „in San Luca höchstpersönlich die Macht zu ergreifen, indem er einen eigenen Clan gegründet hätte.“
Auch in diesem Fall fällt die Rekonstruktion des Bosses schwach aus. In allen Polizeiberichten wird von Marco Marmo als von einem „Knecht, einem Laufburschen der Clans“ gesprochen, einem Mafiasoldat, der weder eine besondere Geschichte noch eine besondere Familie hinter sich hatte, und der weder über ein besonderes kriminelles Gewicht verfügte, noch über genügend Charisma, um überhaupt davon träumen zu können, ein wahrer Boss zu werden. Im Übrigen, wer die ‘Ndrangheta nur etwas kennt, weiß, dass es sich um eine föderale und nicht apikale Organisation handelt, weshalb klar ist, dass selbst der Clanchef, der im Übrigen einer Familie vorsteht, allerhöchstens Einfluss auf einige Familien ausüben kann – aber keinesfalls das allerhöchste Kommando übernehmen kann, er bleibt beschränkt auf sein Territorium, auf seinen eigenen Clan.
Darüberhinaus spricht „Don Fedele“ von dem Massaker als einem Instrument, um einen noch blutigeren Clankrieg zu vermeiden. Ein Krieg, angeführt von einer von Marco Marmo angeführten Faktion, einem knapp Dreißigjährigen? Ohne beleidigend zu sein, aber das ist doch sehr unglaubwürdig.
Für den „Spiegel“ war es also nicht die Blutfehde zwischen den Clans, die das Massaker von Duisburg auslöste, sondern der Ehrgeiz eines jungen Mannes, der sich „über die Hierarchien hinwegsetzen wollte“. Und das Massaker sei von den Bossen angeordnet worden. Einschließlich jener, die sich in diesen Tagen hinter Gittern im Aulabunker von Reggio Calabria befinden, wo sie sich wegen Mafiazugehörigkeit zu verantworten haben – und wegen einiger Morde, die exakt in Zusammenhang mit dem Krieg der Clans von San Luca begangen wurden.
Wenn dem so wäre – dann fragt man sich, wie es geschehen konnte, dass die Bosse schon vor dem Massaker von Duisburg (wie Abhörprotokolle beweisen) zwischen den sich bekriegenden Clan zu vermitteln versuchten? Es gibt ja nur eine Möglichkeit: Entweder haben sie das Massaker genehmigt, oder sie waren durch die Eskalierung besorgt, die sie nach der Ermordung von Maria Strangio festgestellt hatten.
Noch eine letzte Bemerkung. Die ‘Ndrangheta bezahlt die Politiker nicht, wie die deutschen Journalisten schreiben. Sie bezwingt sie, sie wählt sie aus und lässt sich von ihnen selbst bezahlen. Auch das ist Geschichte. Die These der Journalisten jenseits der Alpen lässt sich also nicht halten. Auch wenn sie natürlich niemand dementieren wird.
Dazu fällt mir übrigens der folgende Werbefilm von Pepsi ein:
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Fleischhauer
Ebenfalls Journalist, ebenfalls Jahrgang 62 und absolut der gleichen Meinung wie Fleischhauer...