Was erfährt der Reisende auf der Fahrt von Rom nach Kalabrien
Nach Rom bin ich nun in Richtung Sizilien unterwegs. Über Rom und einige Gespräche dort werde ich noch berichten, aber mit meinen Laptop gibt es manchmal Probleme. Auf dem Weg erinnere ich mich noch an die Worte von Alberto Cisterna, Oberstaatsanwalt der italienischen Direzione Nazionale Antimafia in Rom. Er berichtet mir, dass 80 Prozent des gesamten Blumenmarktes und 70 Prozent des gesamten Obstmarktes von Kampanien bis nach Rom von der Camorra kontrolliert werde. Dabei habe die Camorra schon weit im südlichen Hinterland von Rom wichtige Stützpunkte aufgebaut. Besonders wichtig sei für die Camorra,übrigens gilt das auch für die Ndrangheta, das Gebiet um Formia und Fondi. Gerade Fondi sei ein Zentrum der Camorra geworden. Dabei geht es um den größten Obst und Gemüseumschlagplatz in Zentral- und Süditalien, den Großmarkt Mercato Ortofrutticolo di Fondi. Erst vor kurzem ging die DIA (Direzione Investigativa Antimafia) gegen den Ndrangheta-Clan Tripodi aus Reggio Calabria in Fondi vor.
Und dann bin ich in Kalabrien. In der Provinz Vibo Valentia. Eine Hochburg des Tourismus. Tropea, fest in den Händen eines wichtigen Ndrangheta-Clans, wird sogar von TUI angeboten. Besonders viele Touristen besuchen das kleine, pittoreske Städtchen Pizzo mit seinen knapp 10.000 Einwohnern. Der Name Pizzo spricht für sich. Kleine verwinkelte Gassen, viele prächtige Kirchen und lukrative Einkaufsmeilen in denen alles was das Touristenherz begehrt angeboten wird. Kalabrische Idylle pur. Die Abkassierer sieht man nicht.

Sowohl in Pizzo wie in Tropea, eigentlich am gesamten Küstengebiet, gilt der Mancuso di Limbadi-Clan als der einflussreichste Familienverbund. Er zählt mit seinen über 500 Mitgliedern zu den 20 gefährlichsten und militärisch einflussreichsten kalabrischen Ndrangheta-Clans. Ihre Geschäftsfelder sind einerseits klassisch: Drogenhandel, Waffenhandel, Schutzgelderpressung. Sie kontrollieren teilweise die Stadtverwaltung von Vibo Valentia wie anderen Städten an der Köste, insbesondere investieren sie massiv in alle touristischen Strukturen. Und sie haben bei öffentlichen Ausschreibungen ein Managementmonopol. Die Familie hat in der Vergangenheit mehrere Tonnen Kokain von Kolumbien und Venezuela nach Europa gebracht auch nach Deuschland. Dazu wurden sie von Mitgliedern anderer Clans (Ursino-Macri und Clans aus San Luca) unterstützt. Die andere wichtige Familie, über die in Pizzo niemand sprechen möchte, ist die Familie La Rosa, mit Sitz in Tropea. Hotel-Anlagen wie das Rocca Nettuno, Rocca, Garden Resort oder die bekannte Diskothek Casablanca stehen unter dem Einfluss der Familie La Rosa, so Francesco Forgione in dem Bericht der Commissione Parlamentare Antimafia aus dem Jahr 2008. Als er den Namen der Familie La Rosa in seinem Bericht erwähnte bekam er, erzählte er mir in Rom, große Schwierigkeiten. Auffällig sind in der Region kleine aber mit sündhaft teuren Einrichtungsgegenständen ausgestattete Hotels. Die Besitzer sind in der Regel Strohleute der Familie La Rosa. Mir erzählte eine deutsche Aushilfe, dass in ihr Hotel sowohl die Polizei regelmässig kommt wie die Vertreter der "Organisation". Alle kontrollieren auf ihre Art und Weise. "Aber darüber redet man hier lieber nicht hat man mir gleich am Anfang gesagt. Ich soll einfach wegsehen."

Wie selbstverständlich spielen die Kinder mit Plastikmaschinenpistolen in einer Region, in der Gewalt jeder Art an der Tagesordnung ist, wenn es um die Durchsetzung zum Beispiel von Schutzgeld geht.

Jeder zahlt hier. Auch an den Clan Aracri. Da kam es in den letzten Jahren in der Provinz auch zu blutigen Clankämpfen. In Vibo Marina steht, inmitten von heruntergekommenen Häusern dieses Anwesen. Gut geschützt, niemand soll wissen wer sich hinter den Mauern eine prächtige Villa gekauft hat. Natürlich weiß es jeder in Vibo Marina - die Familie La Rosa.

Und was hat das alles mit Deutschland zu tun? Darüber liegen dem BKA keine Erkenntnisse vor. Sieht man einmal davon ab, dass in Saarbrücken zwei Angehörige des Clans Ciconte leben, die wegen Drogen-und Waffenhandel in Kalabrien und wegen Diebstahls und gefährlicher Körperverletzung im Saarland aufgefallen sind. Die beiden Brüder Vittorio und Salvatore Giovanni sollen zudem für den Clan Waffen aus Deutschland und Frankreich illegal beschaft haben. Hingegen sagt Francesco Forgione das gerade der Clan Mancuso viele Beziehungen nach Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg unterhalten würde und es eine Schande sei, dass deutsche Touristikunternehmen in Tropea Hotels iihren Gästen anbieten die unter der Kontrolle der Familie La Rossa stehen. Über das weiß das BKA anscheinend überhaupt nichts. Dabei hätte man sich im BKA nur die Mühe machen müssen, den Parlamentarischen Untersuchungsbericht von Franesco Forgione auf den Seiten 93-97 zu lesen und zu übersetzen.
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